Die Lochkamera arbeitet nicht wie die herkömmlichen Apparate, mit denen ein Objekt anvisiert, im scheinbar richtigen Moment der Auslöser betätigt und somit ein kurzer Ausschnitt aus Raum und Zeit festgehalten wird. Sie hat viel Zeit zur Verfügung und die Belichtung dauert oft mehrere Minuten oder gar Stunden. Die Aufnahme will daher gut durchdacht sein, denn der eine Film, die eine Belichtung kann in der Regel nicht umgehend wiederholt werden. Die Lochkamera hat aber noch weitere Aspekte, die den Aufnahmeprozeß zu einem besonderen Ereignis machen. Während bei der konventionellen Kamera der Apparat zwischen dem Auge des Fotografen und dem Objekt der Betrachtung eine Art Barriere bildet, die nur schwer überwunden werden kann, wird die Fotografie mit der Lochkamera zu einem kontemplativen, meditativen Erlebnis. Bei der andauernden Belichtung bleibt viel Zeit, das aufzunehmende Objekt zu betrachten und so zu einer Art Zwiesprache mit diesem und dem entstehenden Bild zu gelangen. Die scheinbar einfache Bauart der Kamera, die im Grundprinzip nur aus einem lichtdichten Hohlraum mit einem kleinen Loch besteht, verhindert das Dazwischentreten von technischen Komponenten. Die Lichtstrahlen gelangen direkt durch das Loch auf den Film, werden geradezu hineingesogen in die dunkle Kammer. So ist die Fotografie mit der Lochkamera zwar als eine Art Urform der Fotografie zu bezeichnen, sie hat aber über diesen Rückbezug auf ursprüngliche Verfahren der Bilderzeugung hinaus weitreichendere Elemente, die sie in einer hochaktuellen Weise zu einem passenden Instrument machen, sich mit unserer Welt und den bildlichen Vorstellungen von ihr auseinanderzusetzen. Die Gleichbehandlung aller abgebildeten Teile, die leichte Unschärfe, die starke Verzeichnung und nicht zuletzt der Zufall bei der Festlegung des Ausschnitts erzeugen ungewohnte Bilder, die nicht mehr die Authentizität fotografischer Abbildungen belegen wollen, sondern Fragen zur menschlichen Wahrnehmung aufwerfen und unser gebrochenes Verhältnis zur Welt thematisieren.